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Gebrüder Grimm

Kinder- und Hausmärchen,
große Ausgabe, Band 1, 1850


Der wunderbare Spielmann

Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der, ging durch einen Wald mutterselig allein und dachte hin und her, und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst 'mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbei holen.' Da nahm er die Geige vom Rücken und fidelte eins daß es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht daher getrabt. 'Ach, ein Wolf kommt! nach dem trage ich kein Verlangen,' sagte der Spielmann: aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm 'ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! das möcht ich auch lernen.' 'Das ist bald gelernt,' antwortete ihm der Spielmann, 'du mußt nur alles thun, was ich dich heiße.' 'O Spielmann,' sprach der Wolf, 'ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.' Der Spielmann hieß ihn mitgehen, und als sie ein Stück Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war. 'Sieh hier,' sprach der Spielmann, 'willst du fideln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt.' Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest daß er wie ein Gefangener da liegen bleiben mußte. Warte da so lange bis ich wieder komme,' sagte der Spielmann und gieng seines Weges.
Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber 'mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen andern Gesellen herbei holen,' nahm seine Geige und fidelte wieder in den Wald hinein. Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume daher geschlichen. 'Ach, ein Fuchs kommt!' sagte der Spielmann, 'nach dem trage ich kein Verlangen.' Der Fuchs kam zu ihm heran, und sprach 'ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! das möcht ich auch lernen.' 'Das ist bald gelernt,' sprach der Spielmann, 'du mußt nur alles thun, was ich dich heiße.' 'O Spielmann, antwortete der Fuchs, 'ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.' 'Folge mir,' sagte der Spielmann, und als sie ein Stück Wegs gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Sträuche standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnußbäumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze, dann bog er von der andern Seite noch ein Bäumchen herab und sprach 'wohlan, Füchslein, wenn du etwas lernen willst, so reich mir deine linke Vorderpfote.' Der Fuchs gehorchte und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm. 'Füchslein,' sprach er, 'nun reich mir die rechte:' die band er ihm an den rechten Stamm. Und als er nach gesehen hatte, ob die Knoten der Stricke auch fest gnug waren, ließ er los, und die Bäumchen fuhren in die Höhe und schnellten das Füchslein hinauf daß es in der Luft schwebte und zappelte. 'Warte da so lange bis ich wiederkomme,' sagte der Spielmann und ging seines Weges. Wiederum sprach er zu sich 'Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen andern Gesellen herbei holen,' nahm feine Geige, und der Klang erschallte durch den Wald. Da kam ein Häschen daher gesprungen. 'Ach, ein Hase kommt!' sagte der Spielmann, 'den wollte ich nicht haben.' Ei, du lieber Spielmann,' sagte das Haslein, 'was fidelst du so schön, das möchte ich auch lernen.' 'Das ist bald gelernt,' sprach der Spielmann, 'du mußt nur alles thun was ich dich heiße.' 'O Spielmann,', antwortete das Häslein, 'ich will dir gehorchen wie ein Schüler seinem Meister.' Sie giengen ein Stück Wegs zusammen, bis sie zu einer lichten Stelle im Wald kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Häschen einen langen Bindfaden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte. 'Munter, Häschen, jetzt spring mir zwanzigmal um den Baum herum,' rief der Spielmann, und das Häschen gehorchte, und wie es zwanzigmal herumgelaufen war, so hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt, und das Häschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals. 'Warte da so lange bis ich wiederkomme,' sprach der Spielmann und gieng weiter.
Der Wolf indessen hatte gerückt, gezogen, an dem Stein gebissen, und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten frei gemacht und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wuth eilte er hinter dem Spielmann her, und wollte ihn zerreißen. Als ihn der Fuchs laufen sah, fieng er an zu jammern, und schrie aus Leibeskräften 'Bruder Wolf, komm mir zur Hilfe, der Spielmann hat mich betrogen.' Der Wolf zog die Bäumchen herab, biß die Schnüre entzwei und machte den Fuchs frei, der mit ihm gieng und an dem Spielmann Rache nehmen wollte. Sie fanden das gebundene Häschen, das sie ebenfalls erlösten, und dann suchten alle zusammen ihren Feind auf.
Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fidel erklingen lassen, und diesmal war er glücklicher gewesen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhauers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Arbeit abließ, und mit dem Beil unter dem Arme heran kam die Musik zu hören. 'Endlich kommt doch der rechte Geselle,' sagte der Spielmann, 'denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Thiere.' Und fieng an und spielte so schön und lieblich, daß der arme Mann wie bezaubert da stand, und ihm das Herz vor Freude aufging. Und wie er so stand, kamen der Wolf
, der Fuchs und das Häslein heran, und er merkte wohl daß sie etwas Böses im Schilde führten. Da erhob er seine blinkende Art und stellte sich vor den Spielmann, als wollte er sagen 'wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu thun.' Da ward den Tieren Angst und liefen in den Wald zurück, der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.

Jacob Grimm (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859)
  1. Spielmann… einer der Musik macht
  2. Eichbaum… eine Baumart der Eiche
  3. Fuchs… ein schlaues Tier auf vier Beinen ähnlich wie ein Wolf nur etwas kleiner.
  4. Bindfaden… ein Faden zum Binden von Dingen
  5. Wolf… ein Tier auf vier Beinen. Er bellt und erscheint in Rudeln.
Gebrüder Grimm

Kinder- und Hausmärchen,
große Ausgabe, Band 1, 1850


Die drei Sprachen

An der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber er war dumm und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater 'höre, mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen wie ich will. Jetzt sollst du fort, und ein berühmter Meister soll es mit dir versuchen.' Der Junge ward in eine fremde Stadt geschickt, und blieb bei dem Meister ein ganzes Jahr. Nach Verlauf dieser Zeit kam er wieder heim, und der Vater fragte 'nun mein Sohn, was hast du gelernt?' Vater, ich habe gelernt was die Hunde bellen' antwortete er. 'Daß Gott erbarm,' rief der Vater aus, 'ist das alles, was du gelernt hast? ich will dich in eine andere Stadt zu einem andern Meister thun.' Der Junge ward hingebracht, und blieb bei diesem Meister auch ein Jahr, und als er zurückkam, fragte der Vater wiederum 'mein Sohn, was hast du gelernt?' Er antwortete 'Vater, ich habe gelernt was die Vögli sprechen.' Da gerieth der Vater in Zorn und sprach 'o du verlorner Mensch, hast die kostbare Zeit hingebracht und nichts gelernt, und schämst dich nicht mir unter die Augen zu treten? Ich will dich zu einem dritten Meister schicken, aber lernst du auch diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr sein.' Der Sohn blieb bei dem dritten Meister ebenfalls ein ganzes Jahr, und als er wieder nach Haus kam und der Vater fragte 'mein Sohn, was hast du gelernt?' so antwortete er 'lieber Vater, ich habe dieses Jahr gelernt was die Frösche quacken.' Da gerieth der Vater in den höchsten Zorn, sprang auf, rief seine Leute herbei und sprach 'dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr, ich stoße ihn aus und gebiete euch daß ihr ihn hinaus in den Wald führt und ihm das Leben nehmt.' Sie nahmen ihn und führten ihn hinaus, aber als sie ihn tödten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden und ließen ihn gehen. Sie schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.
Der Jüngling wanderte fort und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, wo er um Nachtherberge bat. 'Ja,' sagte der Burgherr, 'wenn du da unten in dem alten Thurm übernachten willst, so gehe hin, aber ich warne dich, es ist lebensgefährlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort, und zu gewissen Stunden müssen sie einen Menschen ausgeliefert haben, den sie auch gleich verzehren.' Die ganze Gegend war darüber in Trauer und Leid, und konnte doch niemand helfen. Der Jüngling aber, der sich nicht fürchtete, sprach 'laßt mich nur hinab zu den bellenden Hunden, und gebt mir etwas, das ich ihnen vorwerfen kann; mir sollen sie nichts thun.' Weil er nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm etwas Essen für die wilden Thiere und brachten ihn hinab zu dem Thurm. Als er hinein trat, bellten ihn die Hunde nicht an, wedelten mit den Schwänzen ganz freundlich um ihn herum, fraßen was er ihnen hinsetzte und krümmten ihm kein Härchen. Am andern Morgen kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt heraus und sagte zu dem Burgherrn 'die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart warum sie da hausen und dem Lande Schaden bringen. Sie sind verwünscht einen großen Schatz so lange im Thurme zu hüten bis der Schatz gehoben ist, dann kommen sie zur Ruhe. Auf was Art und Weise dies geschehen muß, habe ich ebenfalls aus ihren Reden vernommen.' Da freuten sich alle die das hörten, und der Burgherr versprach ihm seine Tochter, wenn er den Schatz heben könnte. Er vollführte es glücklich, die wilden Hunde verschwanden, und das Land war von der Plage befreit. Da ward ihm die schöne Jungfrau angetraut, und sie lebten vergnügt zusammen.
Über eine Zeit setzte er sich mit ihr in einen Wagen, und wollte nach Rom fahren. Auf dem Weg kamen sie an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quackten. Der junge Graf horchte, und als er vernahm was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und traurig, sagte aber seiner Frau die Ursache nicht. Endlich langten sie in Rom an, da war gerade der Pabst gestorben, und unter den Kardinälen großer Zweifel wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig derjenige sollte zum Pabst erwählt werden, an dem sich ein göttliches Wunderzeichen offenbaren würde. Und als das eben beschlossen war, in demselben Augenblick trat der junge Graf in die Kirche, und plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf seine beiden Schultern und blieben da sitzen. Die Geistlichkeit erkannte darin das Zeichen Gottes und fragte ihn auf der Stelle ob er Pabst werden wolle. Er war unschlüßig und wußte nicht ob er dessen würdig sei, aber die Tauben redeten ihm zu daß er es thun möchte, und er antwortete 'ja.' Da wurde er gesalbt und geweiht, und damit war eingetroffen, was ihm die Frösche unterwegs gesagt hatten, und was ihn so bestürzt gemacht, daß er der heilige Pabst werden sollte. Darauf mußte er eine Messe singen und wußte kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen stets auf seinen Schultern und sagten ihm alles ins Ohr.

Jacob Grimm (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859)